Mattgesetzt #9
Fabian Czappa bittet Stefan Martin zum Gespräch über die Organisation einer Bundesligamannschaft, die Zukunft des Spitzensportes und die Tatsache, dass Viernheim nicht dem HSV angehört.
Fabian Czappa: Stefan, schön, dass du Zeit gefunden hast, auch wenn ihr gar nicht „zu uns“ gehört. Wie kommt es denn, dass Viernheim zwar auf hessischem Staatsgebiet ist, aber der SC Viernheim 1934 e.V. dem Badischen Schachverband e.V. angehört?
Stefan Martin: Das ist häufiger der Fall und hat historische Gründe. Bei der Gründung des e.V. in den 80er Jahren wurde das im Club entschieden. In Grenzregionen wie bei uns dürfen Vereine im „anderen“ Verband bleiben, auch wegen Bestandswahrungen nach dem Krieg. Viernheim ist historisch Richtung Mannheim orientiert, auch die Fußballer. Daher sind wir auch nicht im Landessportbund Hessen, sondern in unserem Gegenstück.
Fabian: Wobei eure erste Mannschaft in der Bundesliga auch außerhalb des Landesverbandes spielt. Ich stelle mir vor, eure Spieltage sind da durchaus anders als die von unseren Mannschaften. Wie läuft das bei euch ab?
Stefan: Da gibt es je nach Verein ein geringeres oder ein höheres Niveau. Manche kommen direkt mit dem PKW zum Hotel, fahren dann spielen und anschließend heim. Wir machen etwas mehr: Aktuell fahren wir gen München, wir reisen immer einen Tag vorher als Sicherheitspuffer an. Stefan Spiegel, unser Organisationsmeister, sitzt am Steuer, damit ich mit dir telefonieren kann. Wir sind immer zu zweit vor Ort, als Mannschaftsführer, aber auch als Ansprechpartner für Schiedsrichter, Presse, für die allgemeine Öffentlichkeit. Wir kümmern uns auch um die Transportation der Spieler, um das Buchen der Restaurants, um Taxen. Bei Heimspielen müssen wir auch Hotels mieten, zzgl. eines großen Raumes und Catering. Über die Saison hinweg kommen für diese Kosten zwischen 20.000 und 30.000 Euro zusammen.
Fabian: Und dazu dann noch das bestimmt nicht billige Antrittshonorare. Wie sind eure Profis eigentlich drauf?
Stefan: Wir legen bei unseren Spielern und deren Auftreten hohe Maßstäbe an, insbesondere auch wegen unseres Sponsors d-fine. Zum einen gehört dazu ein einheitliches Auftreten, zum anderen aber auch eine Analyse in unserem Livestream nach der Partie, welches von unserem Kommentierungsteam produziert wird. Es gehören aber auch Dinge wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit dazu. Nach der Partie gehen wir zusammen essen und quatschen dabei auch ganz normal zusammen. Das passiert auf Englisch, genauso wie unsere Whatsapp-Gruppe auf Englisch funktioniert.
Fabian: Du redest schon von der Analyse. Können wir ein Stück zurück gehen? Wie bereiten sich eure Spieler vor?
Stefan: Erstmal prüfen wir, wer bei den gegnerischen Mannschaften die letzten Spieltage gespielt hat. Das geht aktuell nicht gut, weil es noch nicht so viele Spieltage gab in dieser Saison. Wir gucken uns dafür auch die letzten Saisons an, da sehen wir, wer damals relativ häufig gespielt hat. Außerdem gibt es Kollisionen mit anderen Turnieren oder Ligen, bei denen wir dann wissen, welche Turniere die Spieler vorziehen. Jugendtalente wie Leonardo Costa spielen auch praktisch immer.
Fabian: Wie sehen denn eure Jugendkonzepte aus, bzw. eure niedrigeren Mannschaften?
Stefan: Der überwiegende Teil sind Breitensportaktivitäten, zum Beispiel haben fast alle Schulen in Viernheim eine Schach-AG, die wir personell unterstützen. Die spielen übrigens wenn, dann den Schulschach-Pokal der Hessischen Schachjugend mit, auch wenn das früher, als ich noch selbst Schulschach gespielt hatte, anders war. Wir kooperieren auch mit dem Lernmobil für die Nachmittagsbetreuung in den Schulen. Zum Jugendleistungskonzept gehört zum Bespiel auch Annmarie Mütsch, welche 2018 Weltmeisterin in der U16w wurde. Da haben wir natürlich mit Trainern und Sekundanten ausgeholfen.
Fabian: Fast jede Schule, Nachmittagsbetreuung … scheint, als gehört ihr fest ins Stadtbild von Viernheim.
Stefan: Auf jeden Fall, wir sind auch gerade wegen unseren sportlichen Erfolgen (amtierender Pokalmeister, vorher Bundesligameister) renommiert in der Stadt, auch europaweit durch den Pokal. Unsere Räume haben wir in der Volkshochschule, immer freitags und manchmal auch an den Wochenenden. Das hängt aber auch am Viernheimer Stadtklima – hier ist man im Durchschnitt in vier Vereinen Mitglied. Von Seiten der Stadt kommt viel Unterstützung, auch bei schwierigeren Themen. Über die Stadtgrenzen hinweg bekannt ist zum Beispiel das Vereinsfrühschoppen, da laufen Absprachen mit Vereinsfunktionären zu IT, Steuern, Engagement, etc. So bilden sich natürlich Netzwerke, auch mit Amtsleitern und dem Bürgermeister.
Fabian: Wie funktioniert eure Interaktion mit euren Sponsoren? Die haben vermutlich nicht rein ideelle Interessen?
Stefan: In unserem Saisonheft sind sie alle präsent. Wir unterstützen zum Beispiel den Betriebssport von d-fine, dafür sie den Hochschulsport. Deren Interesse gelten da den hochqualifizierten Beratern mit wissenschaftlichen Methoden aus der Universität. Schach ist affin für Mathe, jedenfalls verglichen mit der Gesamtbevölkerung bzw. auch allen Studierenden. Für ihre finanzielle Unterstützung erhalten sie das Aushängeschild des Vereins durch Roll-Ups, Trikots, Meister, etc.
Fabian: Wohin geht die Reise im professionellen Schach hierzulande?
Stefan: Die Bundesliga als Topliga der Welt muss sich professionalisieren, da sind sich viele Vereine einig. Demnächst kommen europarechtskonforme Zulassungsaufforderungen, die wir in Viernheim erfüllen möchten. Wir möchten hier keine 1-Mann-Show ohne Jugendarbeit, sondern eine gute Außenwirkung in der Stadt und in der Region haben. Unsere GMs geben zum Beispiel auch Seminare und Simultanvorstellungen im Verein, genauso spielen sie an Freitagen vor dem Bundesligakampf in Viernheim das Blitzturnier mit. Da kommen dann mit den verschiedenen Mannschaften, Jugendlichen und Gästen ganz schön viele zusammen.
Fabian: Und eure Vision zum Breitensport?
Stefan: Demnächst fangen wollen wir in Kooperation mit dem Bezirk Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse für Erwachsene anfangen, das können wir noch verbessern. Einfach ein niederschwelliges Angebot, was sich auch an diejenigen richten soll, die als Erwachsene im Online-Schach „groß“ geworden sind.
Temporäre Information: Im Sinne des Schachs gehört in die Reihe "Mattgesetzt" auch jeweils eine Schachpartie 3+2s. Bis wir eine korrekte Einbindung der PGN in diesen Beitrag bereitstellen können, ist diese in einer Lichess-Studie zu finden: https://lichess.org/study/xjynyLav/xCP4b3R1
Information: Mit meinem Sieg ist das laufende Resultat der Blitzpartien bei 4,5:4,5. Habt auch ihr etwas zum organisierten Schach in Hessen zu sagen, oder kennt jemanden, der dies hat? Meldet euch gerne unter oeffentlichkeitsarbeit@hessischer-schachverband.de
