Mattgesetzt #8
Fabian Czappa bittet Susi, Fabi und Oli Stein zum Gespräch über Kinderschach, RKSTs und was es für die Familie bedeutet, Schach als Hobby zu betreiben
Fabian Czappa: Ihr seid heute hier, deine Mama und du, weil ich dich fragen möchte, wie es ist, als Kind Schach zu spielen. Und die Mama möchte ich fragen, wie es ist, wenn die Kinder Schach spielen und man zu Turnieren fährt, die viel Zeit in Anspruch nehmen.
Fabi, wie lange spielst du schon Schach?
Fabi(an) Stein: Zweieinhalb Jahre.
Fabian: Wo hast du mit dem Schachspielen angefangen?
Fabi: Mit meinem Opa. Er hat es mir beigebracht.
Fabian: Und dann bist du einfach in einen Verein gegangen?
Fabi: Man konnte dort erst ein bisschen schnuppern und dann musste man eine Anmeldung unterschreiben.
Fabian: Wie ist es dort?
Susi Stein: In Bad Nauheim gibt es drei Gruppen für Kinder und Jugendliche nach Alter und Leistungsstand und die Kinder haben Spaß beim Spielen.
Fabian: Welche Turniere spielt ihr denn so, gerade für die Kleineren?
Susi: Für den Einstieg gibt es viele Schnellschachturniere. Sehr zu empfehlen ist zum Beispiel die Starkenburg-Reihe in Darmstadt, die hervorragend organisiert ist. In Bibertal gibt es ein U8-Turnier, ebenso in Hofheim. Das ist für den Anfang sehr wichtig. Inzwischen gibt es auch in Bad Nauheim jedes Jahr an Fasching ein U8-Turnier. Das haben wir dieses Jahr ins Leben gerufen und es wird nächstes Jahr wieder stattfinden.
Fabian: Das heißt, ihr seid viel unterwegs?
Susi: Genau. Am Anfang war das überschaubar. Irgendwann wollten die Kinder dann längere Turniere spielen, die DWZ-ausgewertet sind. Zuerst hatten wir die Familienregel: maximal eine Stunde Fahrzeit. Die haben wir später aufgeweicht, als es um die RKST-Turniere ging. Das sind Qualifikationsturniere für die Deutsche Meisterschaft.
Fabi hatte sich letztes Jahr zu Weihnachten in den Kopf gesetzt, unbedingt an der Deutschen Meisterschaft teilnehmen zu wollen. Wir sind keine schacherfahrenen Eltern, also haben wir uns informiert. Es gibt deutschlandweit diese RKST-Turniere. Man darf vier spielen, und wenn man eines gewinnt, ist man für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Die Chancen sind bei 25 bis 32 Kindern natürlich nicht besonders hoch. Aber er wollte es unbedingt versuchen.
Wir haben ihn dann zu einem Turnier in Cochem angemeldet. Dort wurde er Dritter. Bei diesen Turnieren sind auch Scouts anwesend, und einer sagte zu ihm: „Spiel noch drei Turniere, ich sehe dich auf der Deutschen.“
Fabian: Und hat es geklappt mit der Qualifikation?
Fabi: Ja, in Dortmund. Bei meinem vierten Turnier.
Fabian: Sehr gut.
Susi: Das war natürlich eine großartige Aussage. Gleichzeitig hieß das für uns, dass wir noch drei weitere RKST-Turniere gespielt haben. Eines davon war in Hamburg, verkehrsgünstig gelegen und auch sehr schön. Insgesamt sind wir als Familie viel herumgekommen, haben viele Städte gesehen und oft kleine Wochenendtrips daraus gemacht. Die Kinder fanden das toll.
Unser zweiter Sohn hat inzwischen auch an RKST-Turnieren teilgenommen und hatte ebenfalls viel Spaß. Damit war unsere frühere Regel von maximal einer Stunde Fahrzeit endgültig erledigt, weil es schlicht nicht genug RKSTs in der Nähe gibt. Seitdem fahren wir weiter – und am Ende hat es sich gelohnt.
Fabian: Wie war es denn auf der Deutschen Meisterschaft?
Fabi: Gut. Am meisten hat mir das Schachspielen Spaß gemacht. Und das Essen war sehr gut.
Fabian: Das höre ich selten. Hast du immer Pommes gegessen?
Fabi: Nein, nicht immer. Das Buffet war bunt. Und der Nachtisch war toll.
Fabian: Und wie war es mit den anderen Kindern?
Fabi: Ich habe viele Freunde gefunden. Viele fahren auf dieselben Turniere, man sieht sich immer wieder und zieht sich gegenseitig auf. Zum Beispiel Paja, Noah und Joseph. Mit Paja und Eric habe ich oft gespielt.
Susi: Das ist auch für uns als Familie schön. Auf den RKST-Turnieren trifft man häufig dieselben Familien, und daraus entstehen echte Freundschaften. Mit einigen haben wir uns auch außerhalb der Turniere getroffen. Zum Beispiel mit den Familien Rieland und Pott.
Fabian: Die sind aber nicht Hessen.
Susi: Genau, aus NRW. Einige Kinder kamen über das Scouting-System oder über ihre DWZ-Zahlen zur Deutschen Meisterschaft. Das war insgesamt eine richtig schöne Erfahrung, sportlich wie menschlich.
Fabian: Bei der Deutschen ist es ja eigentlich so, dass alle in einem großen, lauten Turniersaal spielen. Ihr wart aber woanders untergebracht. Wo genau habt ihr gespielt?
Fabi: Nicht direkt im Hotel. Unten gibt es einen Gang zur Sporthalle und einen anderen Richtung Delegationsräume. Wenn man dort links die Treppe hochgeht, kommt man durch einen langen Tunnel zum Bürgerhaus. Dort haben wir gespielt. Bei der Kristin.
Fabian: War sie nett? Bei ihr habe ich damals meine erste praktische Erfahrung als Schiedsrichter gehabt.
Fabi: Ja.
Susi: Insgesamt ist die Deutsche Meisterschaft ein tolles Erlebnis für die Kinder, auch wegen des Rahmenprogramms. Es gibt zum Beispiel das KiKA-Turnier, das drei Tage vor Beginn der U8-Meisterschaft stattfindet. Unser zweiter Sohn hat dort mitgespielt. So haben auch jüngere Geschwister die Möglichkeit, Turniererfahrung zu sammeln. Diese Mischung ist wirklich schön, da ist für jedes Kind etwas dabei.
Fabian: Das heißt, ihr wart die ganze Woche vor Ort – von Samstag bis Samstag – mit allen drei Kindern. Erst spielt der eine, dann der andere.
Susi: Genau. Der dritte hatte bisher immer „frei“. Nächstes Jahr möchte er aber auch mitspielen, beim KiKA-Turnier. Er ist jetzt vier und hat bereits sein zehntes Turnier gespielt. Draußen rumsitzen fand er irgendwann langweilig.
Fabian: Was ist der Plan für nächstes Jahr? Die RKSTs gelten ja nur bis U8, und da bist du dann raus.
Fabi: Ich möchte bei den offenen Deutschen mitspielen. Da gibt es ja C-, B- und A-Turniere.
Fabian: Susi, was ist das für eine Umstellung für euch als Eltern, wenn alle Kinder Schach spielen? Was macht ihr währenddessen?
Susi: Früher waren wir mit dem Jüngsten draußen, haben gewartet oder selbst ein bisschen Schach gespielt. Jetzt spielt er auch mit. Wir sitzen viel herum, arbeiten manchmal, fiebern oft mit. Uns hat das Schach richtig gepackt, obwohl wir vorher keinen Bezug dazu hatten.
Fabi hat das Schach für sich entdeckt, dann den Oli angesteckt und schließlich auch den Henry. Irgendwann haben wir gesagt: Gut, das ist jetzt unser Familienhobby. Wir freuen uns mit, trösten auch mal, wenn es nicht so läuft.
Ich glaube, Schach ist ein sehr gutes Hobby, um mit Erfolg und Niederlagen umzugehen. In sieben Runden erlebt man Freude, Frust und lernt, sich wieder aufzurappeln. Man setzt sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinander. Gerade im U8-Bereich läuft das alles sehr spielerisch ab. Die Kinder nehmen es durchweg positiv wahr und haben vor allem eines: Spaß.
Fabi: Ich habe den Oli angesteckt, weil ich anfangs nur dienstags bei meinem Opa Schach gespielt habe. Er war der Erste aus der Familie, der Zeit hatte. Dann habe ich noch meinem anderen Opa und meinem Bruder Schach beigebracht, weil ich sonst nicht so oft jemanden zum Spielen hatte.
Fabian: Jetzt hast du ja genug Spielpartner. Dein Papa spielt inzwischen auch Schach, den habe ich schon auf Turnieren gesehen. Die Mama allerdings noch nicht.
Susi: Mama und Papa konnten schon vorher Schach spielen, und wir haben am Anfang auch viel mit dir gespielt. Aber relativ schnell kam der Punkt, an dem wir keine Chance mehr hatten. Du hast so viel geübt, dass wir nicht mehr mithalten konnten.
Der Papa hat letztes Jahr sogar angefangen, selbst Turniere zu spielen, und hat richtig Spaß daran gefunden. Inzwischen spielen also vier Männer in der Familie Schach.
Fabian (zu Oli): Hast du gerade gegen Aurelia gewonnen?
Oli Stein: Nein.
Fabian: Hat sie besser gespielt? Was hat der Jürgen (Hackert; Trainer des Leistungskaders in Hessen) in der Analyse gesagt?
Oli: Ja. Ich hätte besser spielen können.
Fabian: Wie trainiert ihr zu Hause?
Susi: Fabis Grundschule hat keine Schach-AG, deshalb fährt er mittwochs mit dem Roller zur Sankt-Lioba-Schule, wo es eine Schach-AG ab Klasse 5 gibt. Dort wurde ein Modell gefunden, bei dem er früher aus dem Unterricht seiner Schule darf und dafür dort mitspielen kann. Das gefällt ihm sehr.
Fabi: Da spielen Schüler von der 5. bis zur 13. Klasse. Es gibt regelmäßig Turniere, und ich bin aktuell Zweiter.
Fabian: Obwohl du eigentlich deutlich jünger bist.
Fabi: Ich hatte schon drei Trainer, jetzt sind es zwei. Einer war speziell zur Vorbereitung auf die Deutsche Meisterschaft. Außerdem habe ich mit einem Online-Trainingsprogramm angefangen, das ich zu Weihnachten bekommen habe. Den ersten Kurs hatte ich nach kurzer Zeit durch.
Susi: Die Kurse sind nicht billig, aber sehr effektiv.
Fabi: Ich war bei etwa 700 DWZ und bin danach auf ungefähr 1000 gekommen.
Susi: Er hat etwa zwei Wochen gebraucht, dafür war er komplett beschäftigt. Danach war der Kurs fertig – und die Deutsche Meisterschaft kam.
Das Training läuft hauptsächlich über Roman und Toni. Beide sind sehr engagiert und gut mit den Kindern.
Fabian: Toni und Roman sind richtig stark. Da kann man sich viel abschauen.
Susi: Insgesamt sind wir ständig auf der Suche nach guten Trainern, weil viele irgendwann wegen Studium weggehen. So kamen Roman und Toni dazu. Beide sind sehr gefragt, aber zum Glück haben sie zugesagt.
Fabian (zu Oli): Und wie sieht es bei dir aus? Nächstes Jahr wieder U8, vielleicht sogar Deutsche Meisterschaft?
Oli: Ja, vielleicht.
Fabian: Hast du es den anderen schon erzählt? Weißt du schon, wie viele RKSTs ihr wieder spielen müsst?
Oli: Vier.
Fabian: Vier… das begleitet euch also noch eine Weile.
Susi: Drei haben wir schon gebucht. Hamburg, Pirmasens, Bad Neuenahr-Ahrweiler und dann noch Mülheim an der Ruhr. Hamburg fanden die Kinder besonders toll, das machen wir wieder. Diesmal sogar mit allen Großeltern.
Fabian: Und Fabi, trainierst du dann Oli?
Fabi: Ja. Mama hat gesagt, wir fahren nach WiIllingen zur Deutschen, wenn ich ihn trainiere und er sich für die Deutsche qualifiziert. Da möchte ich so gerne wieder hinfahren und übe mit Oli.
Fabian: Also indirekte Bestechung ;-)
Susi: Er muss ja auch beschäftigt werden. In Pirmasens gibt es parallel ein Turnier für ältere Kinder, die nicht mehr U8 sind. Das ist praktisch. In Hamburg gibt es das bisher nicht, aber vielleicht richten sie es ein, wenn genug Kinder da sind.
Oli und Henry wollen jetzt die vier RKSTs spielen. Ich habe mich innerlich schon darauf eingestellt, die nächsten Jahre viele RKSTs mitzufahren.
Fabian: Henry ist ja noch jünger. Der hat theoretisch noch einige Jahre Zeit.
Susi: Vielleicht machen wir zwischendurch auch mal eine Pause und steigen später wieder ein. Aber grundsätzlich macht es Spaß.
Fabian: Spielt ihr auch große offene Turniere?
Fabi: Ja, zum Beispiel hier oder beim Gießen-Open. Da habe ich meine erste DWZ bekommen. Ich mit 798, Oli sogar mit 816.
Fabian: Mehr als du? Gemein. Und wie ist es, gegen Erwachsene zu spielen?
Fabi: Egal. Die spielen auch nur Schach.
Fabian: Wie viele Turniere hast du insgesamt schon gespielt?
Fabi: 65.
Fabian: Das ist eine Menge.
Susi: Die Kinder haben Zeit, und wir überlegen immer gemeinsam, ob wir auch mal etwas anderes machen wollen. Aber wenn alle drei sagen, dass sie glücklich sind mit Schach, dann machen wir das möglich.
Es ist ein großes Glück, dass alle das gleiche Hobby haben. Sonst wäre dieser zeitliche Umfang kaum machbar.
Temporäre Information: Im Sinne des Schachs gehört in die Reihe "Mattgesetzt" auch jeweils eine Schachpartie 3+2s. Bis wir eine korrekte Einbindung der PGN in diesen Beitrag bereitstellen können, ist diese in einer Lichess-Studie zu finden: https://lichess.org/study/xjynyLav/1KxZNPtC
Information: Mit meiner Niederlage ist das laufende Resultat der Blitzpartien bei 3,5:4,5. Habt auch ihr etwas zum organisierten Schach in Hessen zu sagen, oder kennt jemanden, der dies hat? Meldet euch gerne unter oeffentlichkeitsarbeit@hessischer-schachverband.de
